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Arne Voigtmann

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Wo kommen die kleinen Übersetzungen her?

Nein, die bringt nicht der Klapperstorch, sondern mehrere (zurzeit glaube ich acht für den Heftbereich) für den Berliner Egmont-Ehapa-Verlag arbeitende freie Übersetzer.

Seit November 2002 betätige auch ich mich für den oben genannten Verlag und übersetze dort in erster Linie Donald-Duck- Comics für die MM und das TGDDSH. Wie genau so eine Übersetzung abläuft, demonstriere ich hier anhand eines Beispiels - natürlich einer Don-Rosa-Geschichte:

Die zu übersetzenden Texte bekomme ich meist als PDF-Dateien per Mail. Diese muss ich dann ausdrucken, um erst einmal die Sprechblasen ausmessen zu können. Dazu benutze ich eine Schablone (siehe Bild) und trage mit Bleistift auf den ausgedruckten Comicseiten ein, wie viele Zeichen in eine Zeile und wie viele Zeilen in eine Sprechblase passen. Wenn die Sprechblasen und "Soundwords" noch nicht durchnummeriert sind (ist öfters bei älteren Vorlagen der Fall) erledige ich auch das noch.

Nun beginnt die eigentliche Übersetzungsarbeit, wobei das Schwierigste daran nicht unbedingt das Übersetzen an sich ist (dazu kann man im Zweifel immer noch ein Wörterbuch oder einen Duden zu Rate ziehen), sondern vielmehr, die Texte auch in die Sprechblasen rein zu bekommen und besonders im hier dargestellten Falle - der Don-Rosa-Geschichte "Der schwarze Ritter sprotzt wieder") sind die Sprechblasen schon mit dem Originaltext randvoll gefüllt. Und englische Texte sind nun mal per se schon knapp 20 bis 30 Prozent kürzer als deutsche.

Das "Because I wish to inspire my fellow citizens... to edify and enlighten them... to grace them with my selfless generosity..." kann man also nicht wortwörtlich mit "Weil ich meine lieben Mitbürger inspirieren möchte, sie erbauen und erleuchten möchte, sie mit meiner selbstlosen Großzügigkeit ehren möchte..." übersetzen, weil das einfach den Rahmen der Sprechblase sprengen würde. Das gleiche Problem haben übrigens auch die Dialogübersetzer für Filme und Serien - schließlich muss der Text da zu den Lippenbewegungen passen oder zumindest die gleiche Länge haben. Da muss man dann ein wenig tüfteln und rumprobieren, bis man den entsprechenden Satz gut und verständlich übersetzt hat. Und er darf keinesfalls gestelzt oder hölzern klingen, sonst könnte man die Arbeit auch einem Übersetzungscomputer überlassen. In diesem Fall habe ich mich für "Sicher. Aber ich will meine lieben Mitbürger inspirieren, sie erleuchten, ihnen zeigen, wie selbstlos ich bin..." entschieden. Das ist zwar um einiges kürzer als das Original, aber die wesentliche Kernaussage ist trotzdem vorhanden.

Die Texte werden übrigens gleich passiert formatiert in eine RTF-Datei eingetragen und mit zu den jeweiligen Sprechblasen passenden Nummern versehen. Normalerweise bearbeite ich den Text in drei Schritten. Zuerst mache ich eine Rohübersetzung, wo ich etwas kniffligere Stellen meist erstmal grob übersetze (und mir dann blau markiere, als Hinweis, dass ich hier später noch mal genauer nachschauen muss). Dann lasse ich das Ganze etwas sacken und mache erstmal etwas anderes (oder übersetze eine andere Geschichte) und mache mich, nachdem alles gesackt ist, an die Feinübersetzung, wo ich holprige Textstellen ausbessere oder mich genauer mit den markierten Problemstellen befasse. Nach einer weiteren Pause kommt der dritte und letzte Durchgang. Nun lese ich die Übersetzung in einem Rutsch durch, weil einem so am ehesten unlogische oder unklare Stellen sowie Wortwiederholungen auffallen.

Wenn ich mit dem Text zufrieden bin, maile ich ihn an meinen Redakteur Joachim Stahl (oder an die Redakteurin Elvira Brändle, je nachdem) und schicke ihm (oder ihr) ein ausgedrucktes Exemplar des Textes (seit einigen Monaten nicht mehr) und die Vorlage mit den ausgemessenen Sprechblasen auch noch per Post zu. In der Regel sind die Geschichten ohne festen Termin, doch manche Storys sind für ein bestimmtes Heft vorgesehen (zum Beispiel aus saisonbedingten Gründen, schließlich kann man eine Halloween-Geschichte nicht erst an Weihnachten bringen), und die muss man dann natürlich auch pünktlich abliefern.

In der Regel stellt dies aber kein sonderlich großes Problem dar, denn für eine Seite (vom Sprechblasen ausmessen bis zur Kontroll-Lesung) brauche ich in der Regel etwa 15 bis 20 Minuten - wenn es sich nicht gerade um eine Don-Rosa-Story handelt. Bei den Textlängen und der Textfülle hat eine Seite weit über eine Stunde in Anspruch genommen - doch es war natürlich trotzdem eine Ehre, einmal ein Werk meines Lieblingszeichners übersetzen zu dürfen.

Die fertige Übersetzung wird aber am Schluss nicht zwangsläufig so abgedruckt, wie ich sie eingeschickt habe, das letzte Wort hat immer der Redakteur, und niemand ist perfekt: Schreibfehler oder falsch übersetzte Wörter können auch gestandenen Übersetzern (zurzeit sind insgesamt acht für die MM und das TGDD zuständig) noch passieren.

Das Endergebnis sieht man dann oben - so wurde "Der schwarze Ritter sprotzt wieder" in MM 40 und 41/2004 veröffentlicht, wobei an dieser Textstelle bis auf den anderen Zeilenumbruch nichts mehr geändert wurde. Dafür hat Joachim Stahl den Titel der Geschichte noch angepasst. Ich wollte sie "Der Schwarze Ritter sprotzt zurück" nennen, im Hinblick auf den Originaltitel "The Black Knight Glorps Again" hat sich Joachim jedoch für den oben genannten Titel entschieden.

Im Juni 2006 habe ich übrigens meine 100. übersetzte Geschichte eingereicht.

(av)

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Letzte Änderung am 24.06.2006